Xingyiquan

Das Xingyiquan 形意拳 ist einer der drei bekanntesten „inneren“ Stile des traditionellen chinesischen Wushu. Die drei Schriftzeichen, die den Namen bilden (Xing 形, Yi 意, Quan 拳), können auf verschiedene Weise ins Deutsche übersetzt werden: „Kampfkunst der Form und des Bewusstseins“, „Schule des gerichteten Willens“, „Kampfkunst der Gestalt und der Vorstellungskraft“.

Die Formen im Xingyiquan sind einfach und überschaubar, die Handlungen sind schnell, der Rhythmus ist klar, die Techniken sind kompakt. Härte und Weichheit sind ausgewogen, alles führt zu Harmonie und Integrität.

Das Training im Xingyiquan erzeugt ein Gefühl der Lebendigkeit und der Energie. Es entwickelt den Körper und den Geist, fördert sowohl mentale Stärke als auch die Elastizität und Kraft der Muskulatur. Ob jung oder alt, Mann oder Frau, Gläubiger oder Atheist, Chinesen oder Europäer, ob gesund und stark oder schwach – jeder kann Xingyiquan üben und gute Ergebnisse erzielen. Multidimensionalität, in kompakter Form präsentiert, erlaubt es jedem, in diesem Stil etwas Eigenes zu finden.

  • Für diejenigen, die sich für Kampfkunst interessieren: Xingyiquan ist ein praktischer und sehr effektiver Stil, der nicht ohne Grund im 18.-19. Jahrhundert von den Begleitern der Handelskarawanen und persönlichen Leibwächtern hoch angesehen wurde. Auch heutzutage werden die Methoden von  Polizeikräften und chinesischen Spezialeinheiten trainiert.
  • Für diejenigen, die sich für meditative Praktiken interessieren: Xingyiquan ist nicht nur für den Kampf gut, sondern beinhaltet auch die „innere Kunst“ – Neigong und Qigong. Neigong ist die Kunst, durch subtile innere Bewegungen Qi-Energie zu kontrollieren und den Geist zu schulen; die Fähigkeit, den Willensimpuls zu regulieren. Die „innere Kunst“ ist der wichtigste Teil des  Xingyiquan.
  • Für diejenigen, die sich für Gesundheitsübungen interessieren: In China ist seit langem bekannt, dass die regelmäßige Ausübung von Xingyiquan einen heilenden Einfluss auf den Organismus hat. Bewegungen aus dem Abschnitt der „Fünf Elemente“ werden  bei der Behandlung von Erkrankungen der Leber, der Nieren, und der Lunge angewendet. Viele Menschen beginnen Xingyiquan noch mit über 30 Jahren zu erlernen, wenn keine aktiven sportlichen Aktivitäten in Frage kommen, und die Xingyiquan Praktizierenden zeigen mit über 70-80 Jahren noch ein hohes Maß an Körperbeherrschung, Reaktion, Stärke und Geschwindigkeit …
  • Für diejenigen, die an kulturellen Überlieferungen  interessiert sind: „Authentische Tradition“ kann nicht ohne Kenntnis der Sprache und der Kultur Chinas übertragen werden, wobei die Besonderheiten des chinesischen Denkens und der Weltwahrnehmung spezifiziert werden müssen. Im chinesischen Sinne wird ein Mensch zwischen zwei unerreichbaren Polen „gestreckt“. Wer ist er, wann ist er, wo ist er? Sehr aktuelle Fragen für das europäische Denken …

Unabhängig von den anfänglichen Interessen und der gewählten Richtung, beginnen die Schüler, “je tiefer sie in den Wald kommen”, zu erkennen, dass alle diese Richtungen zu einem einzigen Weg gehören.

Neben der Beherrschung bestimmter Kampfhandlungen – Schläge und Ausweichmanöver, Angriff und Verteidigung, Würfe und Festhaltegriffe – lernen Praktizierende den Körper innerlich und äusserlich vollständig zu spüren, die Atmung (Qigong), das Bewußtsein, und die Energie Qi zu kontrollieren, d.h. begreift die „innere Kunst“ der Selbstregulation und Selbsterkenntnis – Neigong.

Das Verständnis der „Kunst der Selbsterkenntnis“ setzt sich in der „Kunst, ein Anderer zu sein“ fort. Indem sie sich bewusst in die Bewegungsweise anderer Lebewesen hineinversetzen und deren innere Essenz zu erkennen suchen, nehmen Praktizierende die wahre Natur aller Dinge auf Erden wahr und lernen, andere zu verstehen. Die Fähigkeit, andere zu verstehen oder, wie man sagt, zu „hören“, ist nicht nur wichtig, um einen Kampf zu gewinnen. Die Fähigkeit, auf die Umwelt zu hören, ist der erste Schritt zur Verwirklichung einer harmonischen Beziehung zur Natur, „Himmel und Erde folgend“ – zu dem, was in China allgemein mit dem berühmten Wort „Gongfu“ (wörtlich „erworbene Fähigkeit“) bezeichnet wird.

Xingyiquan wurde im 17. Jahrhundert begründet und ist bis heute ein einzigartiges Mittel zur Harmonisierung und Stärkung von Körper, Geist, und Seele.

JiLongfeng
Ji Jike aka Ji Longfeng

Als der Begründer des Stils wird Ji Jike, auch Ji Longfeng genannt, angesehen, der während der Zeit der ausgehenden Ming– und der frühen Qing– Dynastie (um ca. 1640) lebte.

Er erreichte hohe Meisterschaft in der Handhabung des Speers und war ein unvergleichlicher Kämpfer. Viele Schüler kamen und verbeugten sich vor ihm in der Hoffnung als Schüler angenommen zu werden, und baten um Unterweisung.

Einige moderne Meister des Xingyiquan datieren die Entstehung in die Zeit der Südlichen Song-Dynastie (1127-1279) zurück, und schreiben die Begründung der Tradition dem Nationalheld Yue Fei zu, von dem aus sie weiter überliefert worden sein soll. Der Autor (Anm.: Sun Xu) fand keine historischen Beweise, die diese Sichtweise belegen, dennoch verdient diese oft zitierte Legende es, hier erwähnt zu werden.

Zhoutong&students
Zhou Tong lehrt Yuei Fei Bogenschiessen

Nach einer Legende erhielt Ji Longfeng während seiner Meditation im Tempel des Yue Wumu (Yue Fei) auf dem Zhongnanshan auf wundersame Weise einige Kapitel der Thesen des Yue Fei über die Kampfkunst.

Später entwickelte er aus diesem Wissen und seiner Erfahrung neue Speer- und Faustkampfmethoden. Dies waren die Anfänge des Liuhequan, der Kunst die von Generation zu Generation weitergegeben wurde.

Meister Ji Longfeng gab sein Wissen weiter an einen Mann namens Zheng (dessen Vorname nicht mehr bekannt ist). Über Zheng wurde diese Kampfkunst an seine Schüler weiter überliefert, so auch an Cao Jiwu, Xuan Chenwen, Ma Xueli und einige andere.

Im Laufe der Entwicklung teilte sich der Stil in die südlichen und nördlichen Schulen, die allmählich auseinander divergierten.

Die südliche Schule wurde in der Provinz Henan bekannt, später in Shanghai und Umgebung. Die südliche Schule basiert auf den Zehn Grossen Formen (shi da xing).

Die nördlichen Schulen entwickelten sich in den Provinzen Hebei und Shanxi und in den umliegenden Gebieten. Diese basieren auf den Fünf Elementen (wu xing quan) und den zwölf Formen (shi er xing). Auch hier entwickelten sich im Laufe der  Zeit unterschiedliche Schulen, die aber auf den gleichen Grundlagen und Prinzipien basieren.

Xingyiquan war, aufgrund seiner Effektivität und Einfachheit, der Schnelligkeit im Angriff und der Verteidigung, der Kompaktheit und der Exaktheit der Schläge, unter dem Namen Cui Shou (摧手 - Zerschmetternde Hand) bekannt.

Im Laufe der weiteren Entwicklung des Stiles wandten die Praktizierenden, neben der Ausbildung rein äusserlicher Krafteigenschaften, den inneren Aspekten der Ausbildung vermehrt ihre Aufmerksamkeit zu, diese Übungen wurden als Neigong (內功-Innere Arbeit) bezeichnet. Aus diesem Grund wurde der Stil auch als Yiquan (意拳-Intention-Faust) bezeichnet. Weil zu den Kernprinzipien des Xingyiquan die Verbindung des Äusseren mit dem Inneren gehört, wurde es auch Liu He Quan (六合拳-Faust der sechs Verbindungen) oder auch Xin Yi Liu He Quan (心意六合拳-Herz-Intention-Sechs-Verbindungen-Faust) genannt.

Die Lehren und Techniken des Xingyiquan wurden über viele Jahrhunderte von Meistern an deren Schüler, von Generation zu Generation, weitergegeben als ein Teil der traditionellen chinesischen Kultur.

Die Kontinuität dieser Übertragungslinien wird durch eine Reihe historischer Dokumente belegt.

Auch heutzutage entwickelt sich das Xingyiquan weiter, und ist in China unter gebildeten Menschen wohl bekannt.

Santishi

Wu Xing Quan

Shi Er Xing Quan

Tao Lu

zurück

%d Bloggern gefällt das:
search previous next tag category expand menu location phone mail time cart zoom edit close