Zur geschichtlichen Entwicklung der Chinesischen Kampfkünste – Teil 2: die Bronzezeit, Shang und Zhou, und die Zeit der streitenden Reiche

Nachdem im ersten Teil dieser Artikel-Serie die archäologische und mythologische Vorzeit des antiken China thematisiert wurde, beschäftigt sich der zweite Teil mit den drei frühesten chinesischen Dynastien Xia, Shang, und Zhou, und der darauf folgenden Zeit der streitenden Reiche.

夏 Xia Dynastie (ca. 2100- 1600 v.u.Z.)

Die früheste Zeit der chinesischen Geschichte kann als die mythologische Periode bezeichnet werden, in der die legendäre Xia-Dynastie anzusiedeln ist. Ob es die Xiachao 夏朝 mit einer staatlichen Zentralgewalt wirklich gab, ist umstritten. Ausgrabungen in Erlitou beweisen aber, dass zu Beginn der Bronzezeit im Zentralplateau des gelben Flusses ein grosser Staat an relativ genau dem Ort und zu der Zeit existierte, in der spätere Texte die Xia Dynastie einordnen.

Man kann sich die Xia-Dynastie als losen Stammesverband unter der Führung wechselnder Königshäuser vorstellen. Neben der Land- und Viehwirtschaft gingen die Menschen der Ton- und Bronzeverarbeitung nach. Als Begründer der Dynastie gilt Yu, der durch die Bezwingung der Fluten das Vertrauen des Königs Shun und der Stämme erlangt hatte.

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Jie mit einer Hellebarde, sitzend auf zwei Frauen By User:Shibo77 –  wikimedia

Die Weitergabe der Macht führte zu zahlreichen inneren Kämpfen und Rebellionen, vor allem der letzte Xia-König Jie 傑 wird als sehr brutaler Gewaltherrscher und Tyrann beschrieben, weshalb der erste Shang König Tang 湯 ihn in der Schlacht von Mingtiao um 1760 v.u.Z. mit seiner Armee besiegte, und die neue Shang Dynastie begründete.

Die Shang regierten für viele Jahrhunderte. Weil die letzte ihrer Hauptstädte den Namen Yin 殷 trug, wird die Shang Dynastie manchmal auch als Yin Dynastie bezeichnet.

Der letzte der Shang Könige namens Zhou 紂 , auch als Di Xin bekannt, soll wie der letzte Xia-Herrscher Jie ein grausamer und maßloser Tyrann gewesen sein. Und so wie bei Jie führte Zhous Missregierung schließlich zur Rebellion und seinem Sturz.

So wurde die Zhou Dynastie begründet, eine der am längsten währenden Dynastien in der chinesischen Geschichte, die vom 11. Jh. bis ins 3. Jh. v.u.Z. andauerte, und von späteren Geschichtsschreibern immer wieder als antikes Ideal genannt wird.

商 Shang Dynastie (ca.1600- 1050 v.u.Z.)

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Lage der Shang Hauptstädte, CC BY-SA 3.0, wikimedia

Beiderseits des Gelben Flusses gab es große Vorkommen an Löß, einem sehr fruchtbaren Sediment. Dies ermöglichte den Shang Bauern reichhaltige Erträge zu erwirtschaften. Der größte Teil der Bevölkerung ging der Landwirtschaft nach, die nach und nach die nomadische Lebensweise ablöste. Es wurde hauptsächlich Reis, Weizen, Gerste, und Hirse angebaut. Außerdem gingen die Menschen auf die Jagd. Die reichen Ernten förderten die Spezialisierung und ermöglichten Fortschritte in der Kunst, dem Handwerk, und der Kultur. Fähige Handwerker schufen Gegenstände aus Bronze, Muschelschalen und Tierhörnern, Holz, Stein, Keramik, Jade, und Knochen. Eine palastgebundene Kriegerkaste sicherte sich ihre Vorherrschaft durch ein Monopol des Bronzehandwerks inmitten einer vorwiegend steinzeitlichen Bevölkerung.

Divination und Anfänge der Geschichtsschreibung

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Orakelknochen (Scapula eines Ochsen)By BabelStone, CC BY-SA 3.0, wikimedia

Die älteste noch erhaltene chinesische Schrift wurde als Inschrift auf Tierknochen geritzt, häufig auf Schulterblätter von Rindern, Ziegen, manchmal Bären, oder auf die Unterseite (Bauchplatte) von Schildkrötenpanzern. Die Knochen wurden auf bestimmte Art vorbereitet, meist wurde der Knochen eben modelliert, Schichten wurden weg gekratzt. Speziell für die Divination wurden die Knochen mit Vertiefungen versehen. Eine erhitzte Nadel wurde in diese Vertiefungen geführt, was den Knochen auf der gegenüberliegenden Seite auf charakteristische Art brechen ließ. Möglicherweise war das dabei entstehende Geräusch wichtig für die Voraussage und prägte lautschriftlich das Schriftzeichen bu 卜, das Divination bedeutet. Die Risse und Sprünge auf dem Knochen wurden genau betrachtet und gedeutet. Wir wissen heute nicht wirklich, wie die Fissuren gedeutet wurden, sehr interessant sind jedenfalls die Inschriften der Divinationen, die meist aus sechs Teilen bestehen: ein zyklisches Datum oder ein bestimmter Tag, manchmal der Name des Divinators, eher selten auch der Ort, an dem die Befragung stattgefunden hat. Dann folgt das Thema der Divination, und eine Auslegung, wie z.B. „förderlich“, „nicht förderlich“. Danach meist eine vom König vorgenommene Auslegung mit einer Prognose. Ganz selten findet sich auch eine Verifizierung der Befragung.

Interessant ist, dass anhand der Aufzeichnung der Divinationen die letzten 200 Jahre der Shang Herrschaft und die Namen und Zeiten der Könige relativ genau bestimmt werden konnten, und sich eine hohe Übereinstimmung mit den Berichten der Geschichtsschreiber späterer Epochen findet.

Expansion und wechselnde Territorien

Die Hauptstädte der Shang wechselten im Laufe der Zeit, während die Shang ihr Territorium vergrößerten. Die letzte Hauptstadt befand sich in Anyang, heutige Provinz Henan. Es ist nicht ganz klar, wie die Shang Land eroberten und sich ausbreiteten, aber es könnte so gewesen sein, dass von den Königen autorisierte Einheiten in die benachbarte Umgebung ausgesandt wurden, die dann dort ihre eigenen Hauptstädte gründeten. Möglicherweise führten sie Sklaven mit sich, eroberten Territorium, nahmen sich Rohstoffe, und wurden zu Teilen des Shang Apparats, d.h. sie kämpften für diese und stellten Teile der Armee.

Schamanismus und Ahnenkult

Wie hielten die Anverwandten den Kontakt zum Shang König? Dies geschah in Zeremonien, bei denen bronzene Gefäße benutzt wurden, die ihnen mitgegeben worden waren, und die nach ihrem Tod mit ihnen bestattet wurden.

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Shang BronzegefäßBy I, Sailko, CC BY-SA 3.0, wikimedia

Diese als ding 鼎 bezeichneten Bronzegefäße wurden durch die chinesische Geschichte hindurch als sehr wertvoll erachtet, und sind mit die bedeutendsten kulturellen Objekte aus dieser Zeit. Verschiedene andere Arten von Bronzeobjekten sind ebenfalls erhalten, darunter Waffen, von Pferden gezogene Wagen und einige andere. Dennoch war die Anzahl der Bronzegegenstände, die im täglichen Leben benutzt wurden, sehr gering. Sie wurden eher für rituelle Zwecke verwendet.

Die Shang Könige und Fürsten brachten den Ahnen Opfergaben dar, weil sie sicher waren, dass die Ahnen diese annehmen und den lebenden Königen in den Divinationen Zugang zu Informationen verschaffen würden, die für diese wichtig waren. Häufig ging es um Informationen zum Erfolg oder Misserfolg von Jagden, militärischen Aktionen, günstigen Erntezeitpunkten u.ä. Diese Informationen konnten von den Ahnen gegeben werden aufgrund ihrer Verbindung zu Di bzw. Shangdi 上帝, wie die Shang den höchsten Gott nannten. Die Shang Könige lebten in einer Welt, die von einem komplexen Pantheon von Kräften belebt war, von denen Di die höchste war, und die als Naturgewalten wie der Gelbe Fluss, Berg, Sonne (日 ri) und Mond (月 yue), Drachen und Phönix, vordynastische Urahnen, dynastische Vorfahren usw. in der Welt wirkten. Um die Verbindung zu den Ahnen zu sichern, mussten diese mit allem versorgt werden, was sie in ihrem Nachleben benötigten. Dazu benötigte man genug Ressourcen, und dafür wiederum genug Territorium, das erobert werden musste. Die Verbindung zu den Ahnen, und dadurch wiederum zum höchsten Gott, war für die Shang Könige eine Legitimation zur Eroberung und Unterwerfung umliegender Stämme.

Shang-Armeen

Die Existenz von Shang Kriegern findet sich in Darstellungen auf Inschriften, erhaltenen Teilen von Rüstungen, Waffen, Streitwagen usw. Expeditionen zur Unterwerfung umliegender Stämme, die als Barbaren bezeichnet wurden, waren ähnlich organisiert wie Jagden, und umfassten ca. 3000-5000 Kämpfer, bei größeren Erhebungen konnten aber im Notfall bis zu 30 000 mobilisiert werden. Die Shang Armeen legten bei ihren Expeditionen manchmal erstaunlich große Distanzen zurück, so z.B. im 13. Jh v.u.Z. bis in die innermongolische Steppe , um die Ti und Wei genannten Barbarenstämme zu unterwerfen.

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Steinklinge einer Dolch-Axt aus der Bronzezeit By Difference engine – CC BY-SA 4.0, wikimedia

Die am meisten benutzte Waffe der Shang- und Zhou-Zeit war die Dolch-Axt (戈 ge). Der Vorläufer dieser Waffe bestand aus einem spitz bearbeiteten Stein oder Knochen, der an einer Stange befestigt war. Stein- und Knochen-Waffen verschwanden aber allmählich, nachdem Blei und Zinn mit Kupfer vermischt wurde, um Klingen aus Bronze herzustellen. Die Klinge der Ge wird zum leicht abgerundeten Ort hin schmaler, und ist zweischneidig. Eine oberhalb der Klinge angebrachte Angel dient zur Befestigung an einem Holzheft, das mit dem Schaft verbunden wurde. Die Ge konnte sowohl zum Schneiden als auch zum Schlagen verwendet werden. Die Dolch-Axt wurde einhändig in Verbindung mit dem Schild (盾 dun), in späterer Zeit auch beidhändig geführt. Es wurde auch eine zweite Klinge senkrecht hinter der ersten hinzugefügt, diese Waffe hieß Ji 戟 (chinesische Hellebarde), war eine Kombination aus der Dolch-Axt und dem Speer, und war auch zum Stechen geeignet.

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Speerköpfe aus BronzeBy Gary Lee Todd, Ph.D., Professor of History. CC BY-SA 4.0, wikimedia

Der Speer (Mao, später Qiang 槍) hatte eine Länge von 1,80 – 2,70 m, längere Speere bis über 4,00 m waren noch nicht üblich. Der Speerkopf war aus Bronze gefertigt. Jade-Klingen waren viel zu brüchig für die Schlacht und dienten nur zu rituellen Zwecken. Einige archäologische Exemplare besitzen “Ohren” am Sockel des Speerkopf, daran konnte vermutlich ein Tassel befestigt werden, der die Sicht des Gegners stören sollte und verhinderte, dass Blut am Schaft hinunter lief.

Die Herstellung von Bronze sicherte den Shang einen wichtigen militärischen Vorteil, doch die Kombination von Pferden, Streitwagen (戰車 zhanche), und zusammengesetzten Bögen war für ihren Erfolg ebenso mit entscheidend. Die einachsigen, von zwei Pferden gezogenen Streitwagen ermöglichten schnelles manövrieren über große Distanzen hinweg. Die Besatzung bestand aus dem Wagenlenker, einem mit Speer oder Ge bewaffneten Krieger, und einem Bogenschützen. Die Shang hatten bereits mit Tier-Sehne und Horn oder Knochen verstärkte Bögen (弓gong), was diesen höhere Durchschlagskraft verlieh. Inschriften auf Orakelknochen zeigen, dass Streitwägen von den Shang hauptsächlich als bewegliche Kommando-Zentralen und bei königlichen Jagden eingesetzt wurden, während der Zhou-Dynastie kamen diese dann immer mehr auf dem Schlachtfeld zum Einsatz.

Ende der Shang Dynastie

Im 13. Jh v.u.Z. reichte der Einfluss der Shang flussaufwärts nach Westen bis in eine Region, die von einem Stamm, der sich Zhou 周 nannte, bevölkert wurde. Die Zhou stellten ebenfalls Bronze her, hatten Streitwagen möglicherweise schon früher als die Shang, und sie verfügten über mehr Pferde. Ursprünglich waren sie Vasallen der Shang gewesen, ihre Stärke hatte bis zum 11. Jh v.u.Z. aber erheblich zugenommen, was zu Konflikten und schließlich zur offenen Rebellion gegen die Shang 商 führte.

周 Zhou Dynastie (ca. 1050- 256 v.u.Z.)

Laut den Aufzeichnungen war der erste Zhou-König Wen (周文王 Zhou Wenwang, ca. 1100- 1050 v.u.Z.) einst ein Vasall der Shang gewesen. Er erhielt aber ein Mandat des Himmels (天命 tianming), diese zu stürzen, weil die Nachlässigkeit der Shang-Herrscher in der Ausführung der Rituale (裡 li) dem höchsten Gott Shangdi 上帝 missfiel und er ihnen deshalb seine Gunst entzog. Die Zhou nannten die höchste Macht in ihrem Pantheon „Himmel“ (tian 天). Tian und Shangdi waren also letztlich eins. Dies wird im „Buch der Lieder“ (詩經 shijing), das zwischen dem 10. und 7. Jh v.u.Z. entstand, beschrieben. Im Buch der Dokumente wird berichtet, dass die Shang sich den Zhou bereitwillig ergaben und deren himmlisches Mandat anerkannten. Wahrscheinlicher ist aber, dass es sich hierbei um Zhou-Propaganda zur Legitimation des Umsturzes handelt. König Wen plante den Umsturz von langer Hand, dieser gelang jedoch erst seinem Sohn Wu, der in der Schlacht von Muye um 1050 v.u.Z. den letzten Shang-König Di Xin 帝辛 besiegte.

Westliche Zhou-Dynastie,1027-771 v.u.Z.

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Die Staaten der westlichen Zhou-Dynastie By Philg88 – Own work, CC BY-SA 3.0, wikimedia

Die Zhou Dynastie war von Anfang an mit schwerwiegenden militärischen Schwierigkeiten konfrontiert. Nach dem Krieg gegen die Shang gab es die Bedrohung durch die Barbaren im Süden und Westen, aber auch durch die eigenen Vasallen, von denen viele einfach ihre lose Verbundenheit, die sie vorher zu den Shang gehabt hatten, auf die neuen Herrscher übertragen hatten. Traditionell gelten die Zhou als die Erfinder des Feudalsystems  in China, tatsächlich legitimierten sie aber einfach eine bereits bestehende Situation. Das eroberte Land wurde an 71 Fürsten belehnt, von denen 53 direkte Verwandte des Königs waren. Die Bauern waren an das Land gebunden und wurden bei der Umverteilung mit verteilt. Die Macht der Lehnsherren richtete sich nach der Anzahl ihrer Streitwagen, religiösen Privilegien, ihrem Reichtum, und ihren Beziehungen zum König, dem gegenüber sie klar definierte Pflichten und Aufwartungen zu erfüllen hatten.

Die Gesellschaft war in vier Gruppen aufgeteilt: Handwerker, Händler, Bauern, und Gelehrte. Im Handwerk gab es bedeutsame Fortschritte, etwa in der Bronzeverarbeitung und der Herstellung von Porzellan. In der Landwirtschaft wurden Neuerungen in der Kompostierung, Bewässerung, und der Bekämpfung von Schädlingen eingeführt. Ein kompliziertes Rechtssystem, das durch Vollstreckung exemplarischer Strafen funktionierte, bevorzugte Adlige und höhere Beamte, diese genossen de facto Straffreiheit.

Zu Beginn ging alles gut, die Zhou betonten Ritual und Kultur als einende Kräfte, und der chinesische Einfluss reichte weiter als jemals zu Zeiten der Shang. Die beiden ersten Zhou-Könige, Cheng und Kang, bauten die königliche Macht weiter aus, während ihre Nachfolger Zhao und Mu ausgedehnte Expeditionen nach Süden unternahmen, wo der Staat Zhu, dessen Herrschende ihre Abstammung von den Xia für sich proklamierten, in Abhängigkeit gehalten werden musste.

Östliche Zhou-Dynastie, 771 – 256 v.u.Z.

Zeit der “Frühlings- und Herbstannalen”

Diese Periode wurde nach den „Frühling und Herbst“ (春秋 chunqiu) genannten Reichsannalen des Herzogtums Lu für die Zeit von 722-481 v.u.Z. benannt.

Der Zerfall der Zhou Dynastie begann langsam, über einen Zeitraum von hunderten von Jahren, als die Feudalherren der außen liegenden Teilstaaten mehr Autorität erlangten und letztlich mehr Macht als der König selbst hatten. Die Hauptstadt Hao im Wei-Tal, in der heutigen Provinz Shaanxi, war nach einem Überfall durch Nomaden aus dem Westen, bei dem der König Yao getötet wurde, 771 v.u.Z. nach Luoyang in der heutigen Provinz Henan verlegt worden. So wollte man sich vor weiteren Angriffen schützen.

Bedeutende Erfindungen verbesserten die landwirtschaftliche und handwerkliche Produktivität, so z.B. die Erfindung des von Rindern gezogenen Pfluges, aus Eisen hergestellten Werkzeugen und Maschinen, und die Einführung künstlicher Bewässerungssysteme. Nachdem früher der König (王 wang) Eigentümer von Grund und Boden gewesen war, führte eine zunehmende Privatisierung nun zur Einführung von Steuern und einer sozialen Differenzierung mit der Ausbildung einer nicht adligen Oberschicht, sowie selbstständigen Handwerkern und Kaufleuten.

Zeit der Streitenden Reiche (戰國時代 zhanguo shidai)

In der Zeit der östlichen Zhou-Dynastie griff die Auflösung des alten Lehnsreiches immer mehr um sich.  Die königlichen Rechte wurden von den großen Lehnsherren beansprucht, die sich gegenseitig mit allen Mitteln befehdeten. Die mehr als einhundert unabhängigen Staaten waren bis zum 5. Jh auf lediglich 8 mit echtem Einfluss reduziert worden: Qin, Qi, Chu, Yue, Yan, Han, Wei, Hao. Es gab viele Gründe für den Erfolg dieser Staaten, alle lagen sie in der Peripherie des chinesischen Reichs, konnten also nach außen expandieren und benachbarte Barbaren Völker assimilieren, und so ihre Macht stärken. Die Trennung von chinesischen und barbarischen Völkern war immer sehr undeutlich und willkürlich. Stämme, die als Barbaren erachtet wurden, existierten innerhalb und zwischen den organisierten Staaten, sie lebten in Städten und hatten Armeen mit Streitwagen, wie die “echten” Chinesen.

Es war eine Zeit andauernder Kriege, die an Ausmaß und Gewalttätigkeit zunahmen, als die Staaten ihre Ambitionen höher steckten. Wechselnde Bündnisse, Meuchelmord, Bürgerkriege und Verwahrlosung der Sitten waren an der Tagesordnung, dazu kamen die Angriffe durch Barbaren. Diese Phase andauernder Konflikte wird als die “Zeit der streitenden Reiche” bezeichnet, und dauerte von 475 v.u.Z. bis 221 v.u.Z. als der westliche Staat Qin seine Nachbarstaaten eroberte und die Qin-Dynastie begründete. Zhou existierte als kleinerer Teilstaat noch bis 256 v.u.Z. ohne politische oder militärische Relevanz.

Zhou Armeen

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Ge,Bronze,Streitende Reiche By Bairuilong – CC BY-SA 3.0, wikimedia

Die Armeen der Zhou wiesen große Kontinuität zu den Vorläufern aus der Shang-Zeit auf, aber es gab neue Entwicklungen von Waffen und Ausrüstung. Die Dolch-Axt (戈 Ge) wurde jetzt vornehmlich zweihändig geführt und besaß einen längeren Schaft.

Streitwagen hatten größere Räder und wurden gewöhnlich von 4 Pferden gezogen, die Panzerung aus Rhinozeros-Leder wurde mit Bronze verstärkt. Der Einsatz von Streitwagen in der Schlacht erreichte in der Zhou Dynastie vom 8. bis ins 5. Jh v.u.Z. eine Hochphase und war adligen Kriegern vorbehalten.

Die Armee bestand aus den Teil-Kontingenten der Vasallenstaaten. So konnte eine große Armee 3000 Streitwagen und 30 000 Infanteristen stellen. Das “Buch der Wandlungen”, ein Divinationstext aus der frühen Zhou-Zeit, benutzt als Metapher für die Armee das Wasser, das unter der Erde verborgen ist, und betont damit die Bedeutung der Landbevölkerung und die Wichtigkeit, dessen Loyalität durch gerechte Behandlung zu sichern. Dies widerspricht allerdings der traditionellen Auffassung, nach der die Kriege der Zhou hauptsächlich Angelegenheit der Aristokraten waren, und kündigt die Entstehung von Massenarmeen in den folgenden Jahrhunderten bereits an. Auch im “Buch der Lieder” wird berichtet,dass die Landbevölkerung einen Monat im Jahr ein militärisches Training absolvieren musste.

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Abzugsmechanismus einer Armbrust, Streitende Reiche By Gary Lee Todd –  CC BY-SA 4.0, wikimedia

Eine weitere Neuerung dieser Zeit war die Armbrust, die Qinshi aus Chu im 6.Jh v.u.Z erfunden haben soll. Die Armbrust besaß eine höhere Durchschlagskraft als der herkömmliche Bogen und konnte mit weniger Kraftaufwand geführt werden. Wegen ihrer langsamen Schußfrequenz wurde sie anfangs eher zur Verteidigung von Städten eingesetzt. Bis 340 aber kam sie in offenen Schlachten immer mehr zum Einsatz und trug vermutlich zum Verschwinden der Streitwagen bei, die, nur durch Leder geschützt und relativ unbeweglich, ein leichtes Ziel darstellen mussten.

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Bronzeschwert aus der Zeit der streitenden Reiche Par Editor at Large, CC BY-SA 2.5, wikimedia

Schwerter waren bei den Shang noch unbekannt gewesen und verbreiteten sich in China erst im 6. Jh v.u.Z. in der Zeit der „Frühlings- und Herbstannalen“. In der frühen Zhou-Zeit waren aber gelegentlich schon Schwerter aus Bronze in Gebrauch, mit einer Klingenlänge von ca. 45 cm, die wahrscheinlich eine Weiterentwicklung des bereits früher verwendeten Dolchs waren.

In der späteren Zeit der östlichen Zhou-Dynastie begannen Waffen aus Eisen zu erscheinen, in den Staaten Chu und Han wurden bereits Klingen aus niedergradigem Stahl geschmiedet. Diese Technologie blieb jedoch bis zum 2. Jh v.u.Z. sehr primitiv, und konnte die bronzenen Waffen nicht ersetzen.

Der Aufstieg von Qin

Bei der Flucht des Zhou-Königs aus Hao hatte der Herrscher des Stammes Qin 秦 dem König militärische Unterstützung und Schutz geboten, weshalb dieser ihn zum Zeichen der Dankbarkeit zum Gong  ernannte (公 gong, der höchste Fürstentitel unter dem 王 wang, König). Da die Qin selber von dem Nomadenstamm Rong abstammten, wurde das junge Fürstentum von den anderen Staaten als primitiv und unzivilisiert betrachtet. Durch Anstrengungen wie dem Bau von Verteidigungsmauern zur Abwehr von Überfällen von Barbaren, und einem groß angelegten Bewässerungssystem wuchs die Macht von Qin jedoch stetig an. Unter dem Einfluss des Legalisten Shang Yang 商鞅 wurden ab 359 v.u.Z. zahlreiche Reformen durchgeführt, zu denen die strenge Kontrolle der Bevölkerung, Förderung des Militärs, Steuerreformen, Todesstrafen, Zwangsarbeit und Versklavung, sowie Vereinheitlichung von Maßen und Gewichten gehörten. Die Abschaffung der feudalistischen Strukturen zugunsten einer Leistungsgesellschaft brachte Qin einige Vorteile gegenüber den Nachbarstaaten, so konnte die Schlagkraft des Militärs auf 600.000 Soldaten erhöht werden, was die Macht der anderen Staaten um ein vielfaches überstieg. Shang Yang hatte sich aber auch Feinde in der Regierung gemacht und wurde nach dem Tod von Gong Xiao gestürzt und später hingerichtet. Dennoch führten die Herrscher von Qin die Reformen in seinem Sinne weiter, der erste war Huiwen, der sich 338 v.u.Z. zum König von Qin ernennen ließ, und auf dessen Befehl Shang Yang exekutiert worden war. Das hochgerüstete Qin fuhr damit fort, die Nachbarstaaten zu annektieren, und ging dabei äußerst brutal vor. Im Jahr 260 v.u.Z. eroberte Qin den Staat Zhao, und ließ alle 400.000 Gefangenen der Schlacht von Qingping hinrichten, um Zhao einzuschüchtern, das sich widerwillig in eine Allianz fügte. Der ursprünglich vom Han-König entwickelte Plan, Qin mit Hilfe eines Bauingenieurs zum Bau eines gigantischen Kanalprojekts am Fluss Wei zu bewegen und so zu schwächen, ging nicht auf und führte zu einer weiteren Zunahme der Macht von Qin. Im Jahr 256 v.u.Z. beendete Qin die Existenz der verbliebenen winzigen Königsdomäne der Zhou und der Qin-König beanspruchte den Zhou-Titel Sohn des Himmels (天子 tianzi) für sich, um seinen Machtanspruch über ganz China klarzustellen. 247 v.u.Z. bestieg der 13- jährige Prinz Zheng den Thron von Qin und begann 13 Jahre später mit seinem Vernichtungskrieg gegen die anderen Königreiche. Er eroberte zuerst Han, dann Zhao, Wei, Chu, und Yan. Qi ergab sich im Jahr 221 v.u.Z. kampflos, Zheng nannte sich Shi Huangdi und begründete die Qin-Dynastie.

Philosophie und Weltanschauung

Meister der Hundert Schulen (諸子百家 juzi baijia)

Die Uneinigkeit und Zersplitterung während der Zeit der Streitenden Reiche brachte viele Denkrichtungen hervor, die sich mit dem Leben und den Regierungsangelegenheiten befassten, von denen drei sehr einflussreich wurden: Konfuzianismus, Daoismus, und Legalismus.

Kongfuzi
Konfuzius, nach einer Darstellung aus der Han-Dynastie, Public Domain,https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=52179081

Kong Zi 孔子 und die Schule der Gelehrten (儒家 rujia)Während der späteren Zhou-Dynastie, zur Zeit der Territorialkriege der Feudalherrscher, lebte ein Gelehrter und Regierungsbeamter namens Kong Qiu (孔丘, 551 v.u.Z. bis 479 v.u.Z.). Er wurde auch Kongzi und später Kong Fuzi  genannt, dieser Name wurde später von Jesuiten im 16.Jh als Konfuzius latinisiert. Konfuzius gewann Schüler und Anhänger vor allem durch das Lehren der Klassiker, deren ältester das “Buch der Wandlungen” (易經 Yijing) war. Gegen Ende der Shang-Zeit wurde, neben der Divination mit Orakelknochen, ein auf Hexagrammen beruhendes Schafgarbenorakel benutzt. Die 64 Hexagramme (卦gua) aus jeweils sechs Linien (爻 yao) und die Sprüche zu ihrer Auslegung (卦辭 guaci,  卦爻辭 guayaoci) bilden den ältesten Teil des Buches der Wandlungen, der als Zhouyi (周易 Wandlungen der Zhou) bekannt ist, und dem Urkaiser Fuxi und König Wen zugeschrieben wird. Die Kommentare (Zehn Flügel) dazu wurden vermutlich von Konfuzius Nachfolgern geschrieben. Der zweite Klassiker ist das Buch der Dokumente (書經 Shujing, auch bekannt als 尚書 Shangshu). Dieses Werk besteht aus Sprüchen, Berichten, und mündlichen Überlieferungen prominenter Persönlichkeiten, vom Urkaiser Yao und Shun bis zu Ministern der frühen Zhou-Dynastie. Obwohl Teile des Buches als Fälschung gelten, ist es nach wie vor als ein authentischer Bericht der Menschen und der Gesellschaft des antiken China hoch angesehen. Ein weiterer Klassiker, das Buch der Lieder (時經 shijing), enthält um die 300 Lieder und Reime, vorwiegend aus der frühen Zhou-Zeit, aber auch ältere Lieder aus der Shang-Dynastie.

Die Texte, die Konfuzius lehrte, waren zu seiner Zeit bereits alt. Der große Respekt, den er ihnen entgegen brachte, stand völlig im Einklang mit der von ihm postulierten sozialen Verpflichtung der kindlichen Pietät (孝 xiao) – Respekt gegenüber den Eltern, Respekt vor den Ahnen. So kann der Konfuzianismus als eine Philosophie des Respekts gegenüber der Antike (古 gu) und ihren Traditionen betrachtet werden.

Während von Konfuzius keine eigenen Schriften überliefert sind, verfassten seine Schüler und Anhänger die als ”Analekten” bekannten Gespräche (論語 Lunyu), in denen viele seiner Aussprüche überliefert sind. In den Analekten erfahren wir von konfuzianischen Grundtugenden wie Mitmenschlichkeit (仁 ren), Gerechtigkeit (義 yi), Einhalten der Riten (禮 li), Weisheit (智 zhi),  Aufrechtheit (正 zheng). Das menschliche Ideal ist für Konfuzius der Edle (君子 junzi), der danach strebt, diese Tugenden zu verwirklichen.

Zwei Anhänger des Kongzi 孔子, die große Bedeutung erlangten, waren Menzius (孟子 Mengzi) und Xunzi (荀子 Xunzi).

Mozi 墨子 wurde nach Konfuzius Tod geboren und war ein Kritiker dessen Ideen. Für Mozi war das Beharren der Konfuzianer auf den Ritualen lediglich eine Verschwendung von Zeit und Geld. Mozi war kein Aristokrat, sondern er stammte aus einer Handwerksfamilie. Mozi vertrat einige universelle Ideen, wie das Konzept des “würdigen Herrschers”, das die Tugenden des Herrschers über dessen Abstammung stellte. Der Maßstab aller Dinge der natürlichen Welt war für Mozi der Himmel, und so musste sich der ideale Herrscher nach dem Willen des Himmels (天志 tianzhi) richten . Der Sohn des Himmels (天子 tianzi) als der ideale Herrscher geht auch auf das himmlische Mandat zurück, das die Zhou beim Sturz der Shang proklamiert hatten. Ein weiteres Konzept von Mozi war das der “universellen Liebe” (兼爱 jian ai). Mozi gilt als Utilitarist, für den die Nützlichkeit der sakralen und weltlichen Dinge das wichtigste Kriterium war.

Yang Zhu 楊朱 , dessen berühmtester Ausspruch war: “Könnte ich die Welt retten, indem ich mir ein Haar ausrisse, ich würde es nicht tun”, vertrat die Auffassung, dass jeder Mensch nur um seinen eigenen Vorteil bemüht sein solle, und nicht um den der anderen. Dadurch würden alle Angelegenheiten auf vorteilhafte Weise geregelt,was wiederum allen zugute käme. Allerdings verstand er hierunter nicht ein Abgleiten in Egozentrismus, vielmehr müssten die Menschen lernen zu kooperieren. Er wollte nicht das Streben nach immer mehr Reichtum und Macht legitimieren, sondern betonte, dass das Gute sehr eng an das physische und emotionale Sein gekoppelt ist.

Nongjia 農家, die “Schule der Ackerbauern” waren Naturphilosophen und Farm-Gemeinschaften, die eine minimale Hierarchie anstrebten. Jeder sollte durch seine Arbeit etwas beitragen, und jeder sollte den gleichen Status haben.

Die Schule der Namen (名家 mingjia) ging als Denkrichtung aus den Ideen der Mohisten hervor. Sie wurde auch als Schule der Logiker oder Dialektiker bezeichnet. Einer der bekanntesten Vertreter war Huishi 惠施, der als Huizi 惠子 auch im Zhuangzi, einer bedeutenden daoistischen Schrift, auftaucht und Gespräche mit Zhuang Zhou führt. Aus diesen Dialogen:

日方中方晲 ,物方生方死 (ri fang zhong fang ni, wu fang sheng fang si) “Während die Sonne am höchsten steht, geht sie unter; während etwas lebt, stirbt es”.

我知天之中央,燕之北越之南是也 (wo zhi tian zhi zhong yang, yan zhi bei yue zhi nan shi ye) “Das Zentrum des Himmels ist weit im Norden und es ist weit im Westen”.

Diese Paradoxe, hier die Aufteilung von Zeit und Raum betreffend, sind typisch für diese Philosophie, die sich mit der Differenzierung von Worten, Bedeutungen und Namen (名 ming) und Dingen oder Realitäten (事 shi) befasste. Ein anderer wichtiger Vertreter war Gongsun Long 公孫龍, von dem der folgende Text stammt:

白馬非馬,可乎?曰,可。(bai ma fei ma, ke hu? yue, ke).

Ein weisses Pferd ist kein Pferd, ist das möglich? Ja, ist es.

Das Dao des Laozi und des Zhuangzi

Neben dem Konfuzianismus ist zweifellos der Daoismus die einflussreichste Philosophie der Chinesen gewesen. In vielerlei Hinsicht ergänzen sich die beiden Lehren und ziehen sich als zwei bedeutsame Strömungen durch die gesamte spätere chinesische Literatur und Gedankenwelt. Der Ernsthaftigkeit und Strenge der sozialen Verpflichtungen des Konfuzianismus stellt der Daoismus den Rückzug aus gesellschaftlich auferlegten Bürden gegenüber.

Der Begriff Daoismus (道家 daojia – daoistische Schule) ist erst seit der Han-Dynastie (206 v.u.Z. bis 220) bekannt. Davor wurde von den Lehren des Huangdi und des Laozi gesprochen (Huang-Lao), später von den Lehren des Laozi und des Zhuangzi. Obgleich der Gelbe Kaiser Huangdi eine mythologische Gestalt der Vorzeit ist, gibt es zwei überlieferte Texte, die einem Laozi und einem Zhuangzi zugeschrieben werden, und als die ältesten Schriften der Daoisten gelten.

Der Name Laozi 老子 bedeutet “alter Meister”. Wer Laozi war, wann er gelebt hat, und was er mit dem überlieferten Text Daodejing 道德經 (Buch vom Weg und der Wirkkraft) zu tun hat, war jahrhundertelang der Gegenstand langer Debatten.

Laut einer Legende verliess Laozi China auf einem Ochsen reitend nach Westen, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=52179081

Zeitgenössische Historiker sehen in dem manchmal einfach Laozi genannten Werk eine Sammlung von Texten mehrerer Autoren zeitlich unterschiedlicher Perioden. Der Text weist in seiner Kürze jedoch eine prägnante Einheitlichkeit und Zusammengehörigkeit der Visionen und Aussagen auf. Auf eine Art stellt das Daodejing, wie viele der Arbeiten aus dieser Zeit des politischen Chaos und des intellektuellen Aufbruchs, eine Art philosophischen Ratgeber für die Regierung und einen Leitfaden für den idealen Herrscher dar. Aber seine Bedeutung reicht weit darüber hinaus. Die Lehre des Laozi beschreibt ein universelles Prinzip, den Weg (Dao 道), das alles und jedem zugrunde liegt. Das Buch beginnt mit den berühmten Worten:

道可道非常道  名可名 非常名 (dao ke dao fei chang dao ming ke ming fei chang ming)

Das Dao über das geredet werden kann ist nicht das ewige Dao. Der Name der benannt werden kann ist nicht der ewige Name (Daodejing 1)

Dementsprechend gibt der Text nicht so sehr eine Definition von Dao, sondern beschreibt wie Dao wirkt.

反者 道之動 fan zhe dao zhi dong.

Wiederkehr ist die Bewegung des Dao (Daodejing 40).

Die Natürlichkeit im Einklang mit Dao soll akzeptierend und nachgiebig, frei von Anspannung und Übereifer, spontan, anstrengungslos, und unerschöpflich sein. Diese Art zu handeln wird bezeichnet als Wuwei 無為 – Handeln ohne zu handeln, nicht den natürlichen Lauf der Dinge stören, dem allgemeinen Fluss des Universums folgen. Der ideale Herrscher sollte nach dem Daodejing durch Nicht-Einmischung in das Leben der Menschen, Verzicht auf unnötige Kriege und Luxus, die Menschen zur Einfachheit und Harmonie mit Dao zurück führen, dem Urzustand, frei vom Streben nach materiellem Reichtum, frei von den moralischen Bewertungen, die nur den natürlichen Weg stören.

Zu den berühmtesten Bildern, in denen das Daodejing seine poetischen Visionen darstellt, gehören das Wasser und das “geheimnisvolle Weibliche” oder die Urmutter. Im Daodejing findet sich in gewisser Weise eine Abkehr vom konfuzianischen Konzept des akkumulativen Lernens. Laozi benutzt das Bild des neugeborenen Babys, das sich ganz natürlich aus sich selbst heraus entwickelt. Dekonditionierung und Rückkehr zum wahren Sein ist den Daoisten wichtiger als die Anhäufung von Wissen.

In der daoistischen Lehre wurden viele antike Vorstellungen aufgegriffen, die schon in der frühen Zhou-Zeit und davor existierten. Dazu zählen metaphysische, kosmologische, spirituelle, und schamanistische Inhalte.

Zhuangzi 莊子 war zweifellos einer der genialsten Literaten der chinesischen Geschichte. Sein Werk, das “Zhuangzi”, erhielt in der Tang-Dynastie per kaiserlichem Erlass den Ehrentitel Nan Hua Zhen Jing,  von Richard Wilhelm übersetzt als “Das wahre Buch vom südlichen Blütenland”. Neben dem Daodejing gilt es als das wichtigste daoistische Werk. Die ersten historischen Hinweise auf Zhuang Zhou, wie der Autor auch genannt wird, finden sich im Shijing, laut Sima Qian wurde er 369 v.u.Z. in Meng (heute Anhui) im Staat Song geboren und verweigerte sich bis auf die Aufseherschaft in einem Lackgarten (漆園 Qiyuan) allen öffentlichen Ämtern. Es gab kein Gebiet auf dem er sich nicht auskannte, in der Hauptsache jedoch berief er sich auf die Sprüche von Laozi.

„Die Freude der Fische“

Die 7 inneren Kapitel (內篇 neipian) werden Zhuang Zhou selbst zugeschrieben,  während die 26 äußeren und gemischten Kapitel (外篇 waipian; 雜篇 zapian) Werke anderer Autoren sein dürften, die von den Neipian inspiriert wurden. Die heutige Ausgabe mit 33 Kapiteln geht auf das 3.Jh. zurück. Auf einzigartige poetische Weise führt das Zhuangzi die Ideen des Daodejing weiter aus und enthält spirituelle Unterweisungen in Allegorien, Fabeln, und Geschichten mit eingeflochtenen Diskussionen. Im Zhuangzi treten aber auch historische Persönlichkeiten wie Kongzi und Hui Shi auf, die allegorisch für einflussreiche philosophische Strömungen der Zeit stehen, deren Ideen von Zhuangzi oft ad absurdum geführt werden.

Für den Daoismus wichtige Begriffe mit besonderer Bedeutung im Zhuangzi sind neben 道 Dao, Weg; und 德 De, Tugend; die 3 Schätze 精 Jing, Essenz; 氣 Qi, Energie; 神 Shen, Geist. 心 Xin, Herz-Geist, ist ebenfalls ein für die daoistische Meditation zentraler Begriff. 聖人 Shengren, bezeichnete im Daodejing den erleuchteten Herrscher, bei Zhuangzi wurde daraus 真人 Zhenren, Wahrer Mensch.

Strategisch Planen und Praktisch Handeln

Gegen Ende der Zeit der streitenden Reiche wurde den Intellektuellen und den Herrschenden zunehmend bewusst, dass nur eine Einigung des Reiches zum Ende der andauernden Kriegshandlungen, und damit zu Frieden führen konnte. Bereits zur Zeit des Konfuzius hatte der Zhou König den Großteil seiner Macht verloren, dennoch war niemand willens gewesen ihn zu stürzen. Dies geschah erst 256 v.u.Z. als er keinerlei Einfluss mehr hatte und von Qin beseitigt wurde. Infolge dessen wurde über die entscheidende Frage, was zu tun sei, von unterschiedlichen Perspektiven aus nachgedacht.

Zou Yan 鄒衍 war Mitglied der Jixia-Akademie des Staates Qi, dem geistigen Zentrum der damaligen chinesischen Welt. Zou Yan folgte der Auffassung, dass der Kosmos sich nach vorhersagbaren, weil wiederkehrenden, Abläufen und Zyklen entwickelt, die auch für das menschliche Handeln anwendbar seien, wenn man diese verstanden hatte. Ein einfaches Beispiel dieses Prinzips der kosmischen Resonanz ist das landwirtschaftliche Jahr, und die damit verbundenen Zeiten der Aussaat, der Ernte, der zu erledigenden Arbeiten. Zou Yan erkannte dieses Prinzip auch im Lauf der Geschichte als sich wiederholende Zyklen. Das Wissen um diese Zusammenhänge wäre enorm wertvoll für Herrschende, die in Übereinstimmung mit diesen Prinzipien ihre Macht sichern könnten. Zur Beschreibung dieser Zusammenhänge benutzte Zou Yan das Bild der fünf kosmischen Elemente Wasser, Holz (Korn), Feuer, Metall, und Erde.

Von Parnassus – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, commons.wikimedia.org

Bereits im ältesten Teil des Buches der Wandlungen wurden die fünf Richtungen Norden, Süden, Osten, Westen, Mitte, erwähnt. Mit den Elementen (行 Xing) 水 Shui, Wasser (Betrachtung/Ruhe); 木 Mu, Holz (Expansion/Entwicklung eines Handlungsimpuls); 火 Huo, Feuer (Dynamische Phase; Aktion/Aufbruch); 金 Jin, Metall (Reife; Kontraktion/Sinken); 土 Tu, Erde (Wandlung/Verwandlung; Fruchtbildung), kamen zugeordnete Bedeutungen hinzu, die für dynamische Phasen und Wechselwirkungen stehen und die sowohl vorwärts (erzeugend/nährend) als auch rückwärts (überwindend/zehrend) wirksam sind und nach dem Prinzip der Analogie auf sämtliche Angelegenheiten und Dinge anwendbar sind, egal ob gesellschaftlicher, medizinischer, kultureller, strategischer, oder anderer Natur. Jede Handlung bewirkt eine Wandlung (變化 bianhua), die eine weitere Wandlung nach sich zieht. Die Beachtung des richtigen Zeitpunkts wird den Erfolg begünstigen.

Taijitu

Das gleiche gilt für Yin und des Yang, die die Beziehungen von Himmel, Erde, und Mensch bestimmen, und bis zu den Shang zurückverfolgt werden können, die mit diesen Begriffen die Sonnenseite und die Schattenseite eines Berges bezeichneten. Die 8 Trigramme und 64 Hexagramme aus dem Zhouyi bestehen aus unterbrochenen und durchgängigen Linien, die auch als Yin und Yang Striche gedeutet wurden.

Zhou Yan wandte die Elementelehre auf Dynastien an und schrieb diesen bestimmte Tugenden zu. Die Schule, der Zou Yan angehörte, wird auch als Yin-Yang Schule oder als die Naturalisten bezeichnet. In ihr wurden viele der altertümlichen Begriffe, die sich bereits im Yijing finden, wie Yin und Yang oder die Himmelsrichtungen, neu interpretiert und auf größere politische Zusammenhänge übertragen.

Sunzi 孫子, dessen Name im Shijing mit Sun Wu 孫武 angegeben wird, soll ein General und Stratege der östlichen Zhou-Dynastie gewesen sein und gilt als Verfasser der “Militärischen Methoden des Meister Sun” (孫子兵法 Sunzi Bingfa), im Westen bekannt als “die Kunst des Krieges”. Militärische Schriften zu Taktik und Strategie der Kriegsführung hatte es schon vor der Zeit der Streitenden Reiche gegeben, das Sunzi Bingfa gilt als die wichtigste und einflussreichste, in der die Essenz des chinesischen Denkens zu dem Thema erhalten ist. Es war zu seiner Zeit nicht ohne Kritiker, dem Legalisten Han Fei wurde der strengen Disziplin beim Kommandieren der Truppen zu wenig Bedeutung zugemessen, und die Begrenzung der Kriegshandlungen werde überbewertet, während für die Konfuzianer der Einsatz von Täuschung und Geheimoperationen nicht akzeptabel war.

Im idealisierten Kodex der Shang und Westlichen Zhou-Dynastie war Kriegsführung vorwiegend als aristokratische Angelegenheit angesehen worden, und unterlag einem speziellen Ehrenkodex, der Respekt und Tugend verlangte. Verletzung der Ehre musste gerächt werden. Die andauernden Schlachten zur Zeit der Streitenden Reiche verursachten viel größere Zerstörung, weshalb kein politischer oder gesellschaftlicher Denker zu dieser Zeit das Militär außer Acht lassen durfte, tatsächlich bezog sich Konfuzius öfter auf militärische Angelegenheiten, die Mohisten hatten spezielle Techniken zur Verteidigung belagerter Städte entwickelt, mit denen sie kleinere belagerte Städte unterstützten. Dazu gehörte ein Mechanismus zum Hören von unterirdischen Grab-Aktivitäten des Feindes. Xunzi beschrieb die konfuzianische Position zur Kriegsführung. Legalisten wie Shang Yang und Han Feizi befassten sich umfassend damit. Die Fragestellung, wie eine Einigung von 天下 (Tianxia, Unterm Himmel) erzielt werden könnte, wurde ersetzt durch die Frage, wie der größtmögliche Vorteil zu gewinnen sein könnte.

Nach dem Sunzi entsteht Wissen um die Kriegsführung durch Verständnis aller relevanten Faktoren wie Terrain, Moral, Logistik, Spione, Wetter, Wirtschaft, Psychologie, und mehr. Deren Zusammenwirken wird als 勢 Shi bezeichnet und bedeutet im Sunzi neben der Kraft auch die potentielle Dynamik, die einer Situation zugrunde liegt. Die Energie von Shi gleicht nach Sunzi runden Steinen, die von einem kilometer hohen Berg hinunterstürzen.

Im ersten Kapitel 計 (Ji, Planung) werden die fünf den Ausgang einer Schlacht bestimmenden Faktoren genannt: 道 Dao 天 Tian, der Himmel 地 Di, die Erde 將 Jiang, der Befehlshaber 法 Fa, das Gesetz, die Methode. Sunzi beschreibt sie wie folgt: Das Gesetz der Moral veranlasst die Menschen, mit ihrem Herrscher völlig übereinzustimmen, so daß sie ihm ohne Rücksicht auf ihr Leben folgen und sich durch keine Gefahr schrecken lassen. Himmel bedeutet Nacht und Tag (Yin und Yang), Kälte und Hitze, Tageszeit und Jahreszeit. Erde umfasst große und kleine Entfernungen, offenes Gelände und schmale Pässe, die Unwägbarkeit von Leben und Tod. Der Befehlshaber steht für die Tugenden der Weisheit, der Aufrichtigkeit, des Wohlwollens, des Mutes und der Strenge. Methode und Disziplin ist die Gliederung der Armee in die richtigen Untereinheiten, die Rangordnung unter den Offizieren, die Behauptung der Straßen, auf denen der Nachschub zur Armee kommt, und die Kontrolle der militärischen Ausgaben.

Im dritten Kapitel “Angriffsplanung” (謀攻 Mougong), nennt Sunzi die fünf Aspekte um den Sieg voraussagen zu können.

Siegen wird der, der weiß wann man kämpfen kann und wann man nicht kämpfen kann. Siegen wird der, der weiß wie man mit überlegenen und unterlegenen Streitkräften verfährt. Siegen wird der, dessen Armee in allen Rängen vom gleichen Geist beseelt ist. Siegen wird der, der gut vorbereitet darauf wartet, den unvorbereiteten Feind anzugehen. Siegen wird der, der militärisch fähig ist und nicht mit der Einmischung seines Herrschers rechnen muss. Wenn du den Feind und dich selbst kennst, brauchst du den Ausgang von hundert Schlachten nicht zu fürchten. Wenn du dich selbst kennst, doch nicht den Feind, wirst du für jeden Sieg, den du erringst, eine Niederlage erleiden. Wenn du weder den Feind noch dich selbst kennst, ist jede Schlacht gefährlich.

Im vierten Kapitel (形 Xing; Form, Gestalt, von Lionel Giles als “Taktik” übersetzt) heißt es:

So bringt sich der umsichtige Kämpfer in eine Position, die die Niederlage unmöglich macht, und er versäumt nicht den richtigen Augenblick, den Feind zu schlagen. So sucht im Krieg der siegreiche Stratege nur dann den Kampf, wenn der Sieg bereits errungen ist, wogegen jener, der zum Untergang verurteilt ist, zuerst kämpft und danach den Sieg sucht.

Im fünften Kapitel 勢篇 Shipian, wird der Begriff 勢 Shi eingeführt sowie das Begriffspaar 正 Zheng und 奇 Qi. Shi bezeichnet sowohl die statische Kraft einer innegehaltenen Position, als auch die potentielle Energie, vergleichbar einer gespannten Armbrust. Zheng und Qi bezeichnen direkte und indirekte Manöver, deren wechselnder Einsatz unzählige Strategien hervorbringen kann.

Han Fei 韓非, auch bekannt als Han Feizi, wurde gegen Ende der Zeit der Streitenden Reiche geboren und gehörte der herrschenden Aristokraten Familie des Staates Han an. Sima Qian berichtet, dass er ein Schüler des Xunzi gewesen sei, und auch von der Huang-Lao Philosophie beeinflusst wurde. Er wandte sich jedoch von der konfuzianischen Betonung der Selbst-Kultivierung und der Ausübung der Riten ab und synthetisierte verschiedene Ideen legalistischer und daoistischer Denker wie Shen Buhai. Han Fei gilt als einer der wichtigsten Repräsentanten der Legalisten.

Legalismus (法家 fajia) bezeichnet Konzepte und Praktiken die mit dem Aufkommen des imperialen bürokratischen chinesischen Staates im 3. und 2.Jh. v.u.Z. assoziiert werden. Der Begriff Fa 法 bezieht sich auf verschiedene Methoden der Organisation und Ausübung der Staatsmacht: Gesetze, Strafen, Administration, Militärwesen, politische Agendas, Einsatz von Personal. Auch wenn die Legalisten keine philosophische Schule darstellten, so hatten sie zweifellos den größten Einfluss auf das politische System der damaligen Zeit. Typischerweise waren Vertreter dieser Ideen ausübende Staatsmänner, denen mehr an der Lösung von konkreten Problemen und Mechanismen der Kontrolle lag, als an Theorien zur Staatsführung. Tatsächlich vertraten sie häufig eine anti-intellektuelle Haltung und lehnten das “leere Gerede” der Philosophen ab. In seiner frühen Form war der Legalismus wohl aus dem Bedürfnis einer besseren Organisation  von Gesellschaft und Ressourcen entstanden, um einen Staat gegenüber Rivalen zu stärken. Dies führte zur Idee die Macht in den Händen eines einzelnen Herrschers zu konzentrieren und zum Aufbau von Institutionen, die größere zentrale Kontrolle verlangten. Guan Zhong hatte mit solchen Ansätzen den Staat Qi bereits im 7.Jh. v.u.Z. durch Stärkung des Herrschers zum stärksten Staat gemacht, ohne jedoch die grundlegende Ordnung der Gesellschaft in Frage zu stellen. Dies änderte sich jedoch mit der Zuspitzung der Konflikte und der Wirren der streitenden Reiche, jetzt gewannen Technokraten an Einfluss, die die Interessen des Staates über alle menschlichen und moralischen Belange stellten. Männer wie Shang Yang negierten die traditionellen Werte wie Mitmenschlichkeit oder Aufrechtheit, die von den Konfuzianern als die Attribute eines fähigen Herrschers angesehen wurden, und maßen diesen keinerlei praktischen Wert in der Realität der politischen Entscheidungen bei. Für sie war Krieg das Mittel der Wahl, die Macht des Herrschers zu festigen, den Staat zu vergrößern, die Menschen durch Disziplinierung und Unterwerfung zu stärken. Sie strebten eine politische Ordnung an, in der alle alten feudalen Strukturen beseitigt, und die gesamte Autorität in einer zentralen Administration konzentriert und einem absoluten Monarch unterstellt werden sollte. Gesetze sollten rigoros angewendet werden und die Strafen drakonisch sein, diejenigen die sich dem Staat andienten sollten dafür belohnt werden. Die Landwirtschaft, als die Basis des wirtschaftlichen Lebens, sollte intensiv gefördert werden, während der Handel streng überwacht werden sollte, und intellektuelle oder künstlerische Betätigung als nicht substantiell und wertlos sanktioniert und verfolgt werden sollte. Die Ausformung der legalistischen Ideen geschah hauptsächlich im Staate Qin, und nach der Reichseinigung im Jahr 221 v.u.Z. mit der Einsetzung der Qin-Dynastie sah es so aus, als ob die Strategien der Legalisten sich gegenüber den anderen Denkrichtungen durchgesetzt hätten.

Kategorien Allgemein, Geschichte

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