Zur geschichtlichen Entwicklung der Chinesischen Kampfkünste Teil 1 – die Vorgeschichte

Einleitung

Diese Serie von Artikeln ist ein Versuch, Entwicklungen in der chinesischen Geschichte darzustellen, die zur Entstehung der chinesischen Kultur und ihrer Eigenarten geführt haben. Besonderes Augenmerk soll der Entwicklung des Militärwesens, den schamanischen/medizinischen Praktiken und Lehren, der Gelehrtenschule der konfuzianischen Richtung (rujia sixiang 儒家思想), den naturphilosophischen Anschauungen und Praktiken der Daoisten (daojia 道家), sowie dem Buddhismus gelten, als sie für die Entwicklung der Kampfkünste wichtig waren.

Chinas Geschichte war in der Vergangenheit geprägt vom Aufkommen, Aufblühen und dem Verfall verschiedener Dynastien (chaodai 朝代). Die wichtigsten waren Shang, Zhou, Qin, Han, Sui, Tang, Song, Yuan, Ming, Qing. Nach der Ablösung des letzten dieser „feudalen“ Staaten, die das „Alte China“ repräsentieren, begann die Ära des „Neuen China“ mit der Gründung der Republik im Jahre 1912.
Was versteht man nun unter einer Dynastie? Nun, in einem Sinne bezeichnet eine Dynastie ein Herrschergeschlecht. Dies heißt, daß eine königliche Familie, für eine gewisse Zeitspanne, die Macht ausübt. Zu einer Dynastie gehören aber auch die gesamte mit den Regierungsaufgaben beschäftigte Hierarchie und die Verwaltung des feudalen Staates. Physikalisch betrachtet sind Dynastien Imperien, die über eine bestimmte, lange oder kurze Zeitspanne, in einem bestimmten aber dennoch veränderlichen Territorium existiert haben, und ihren Anfang immer durch militärische Eroberungen nahmen. Sie alle hatten ihre Blütezeiten (shengshi 盛世), und die anschliessenden Phasen des Verfalls und des Niedergangs.
Bis zu den Mongolen (mengguren 蒙古人), die im Jahr 1271 die Yuan-Dynastie begründeten, bezeichneten die Namen der chinesischen Dynastien tatsächlich aber Territorien, die sich von den Namen der herrschenden Familien unterschieden.

Zeitlicher Ablauf der Geschichte Chinas von der Jungsteinzeit bis zur heutigen Volksrepublik China findet sich hier:

Teil 1 – Altertum

Die ersten Menschen besiedelten den asiatischen Kontinent in der frühen Steinzeit (Paläolithikum), die so genannt wird, weil Werkzeuge aus Stein hergestellt wurden.

Steinwerkzeuge und Knochenfunde des Homo erectus, des so genannten Peking-Menschen, deren Alter auf knapp eine Millionen Jahre geschätzt wird, wurden in der Umgebung des heutigen Beijing gefunden.

Die ersten modernen Menschen bzw. Homo sapiens erschienen gegen Ende der Steinzeit vor ungefähr 100 000 Jahren in Asien, diese kamen aller Wahrscheinlichkeit nach vom afrikanischen Kontinent.

Mit dem Aufkommen der Landwirtschaft vor ungefähr 10 000 Jahren organisierten sich diese Menschen in größeren Gemeinschaften, die von Archäologen als Kulturen bezeichnet werden.

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Artefakte

In dem heutzutage als China bezeichneten Gebiet wurden zahlreiche antike archäologische Kulturen entdeckt, die einzigartige Tongefäße, Begräbnisrituale, Siedlungsbauten usw. hatten.

Ein Beispiele für diese neolithischen Siedlungen ist die Yangshao Kultur (yangshao wenhua 仰韶文化), die vor ca. 5000-7000 Jahren in den zentralen Tiefebenen entlang des Gelben Flußes (huanghe 黃河) existierte.

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By Zhangzhugang [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html), from Wikimedia Commons

Schale, Yangshao

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Ding, Yangshao Kultur By Greg kf (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0), from Wikimedia Commons

In derselben Gegend wie die Yangshao Kultur folgte die Longshan Kultur (longshan wenhua 龍山文化) vor ungefähr 5000 bis vor 3900 Jahren. Aus dieser stammen die charakteristischen eierschalendünnen schwarzen Tonarbeiten.

Im Nordosten gab es vor 6700 bis vor 5000 Jahren die Hongshan Kulturhongshan wenhua 紅山文化) mit ihren einzigartigen aus Jade gefertigten schweinsköpfigen Drachen (yuzhulong 玉豬籠).

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Drachenförmige Keramik, Hongshan By 玉而富 [Public domain], from Wikimedia Commons

 

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Jade Drachen, Hongshan By Prof. Gary Lee Todd ([1]) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html)%5D, via Wikimedia Commons

Im Südosten gab es die Hemudu Kultur (hemudu wenhua, 河姆渡文化),die vor 7000 bis vor 6500 Jahren ihre Häuser auf hölzernen Pfählen erbauten.
Im 20. Jahrhundert wurden die Überreste von Architektur aus der Bronzezeit im zentralen Teil des Tals des Gelben Flusses entdeckt, wo, wie man sagt, die Xia Dynastie geherrscht hatte. Die Leute fanden Werkzeuge aus Bronze und Kunsterzeugnisse, aber keine schriftlichen Aufzeichnungen, abgesehen von einigen Markierungen auf Töpferei und Schalen. Archäologen nennen dieses altertümliche Volk die „Erlitou Kultur„. C-14 Datierung bestimmt die Zeit dieser Entdeckungen auf zwischen 2.000 und 1.500 v.u.Z. Aber ob das Erlitou Volk das Volk ist, das die Xia genannt wurde, weiß man bis heute nicht genau.

Diese Kulturen, die sich während der Jungsteinzeit in den Bereichen Siedlungsbildung, Handel und Kriegsführung mit zunehmender Komplexität entwickelten, sind die Vorläufer der frühen Staaten Chinas.

Schriften

Eine andere Art, sich der chinesischen Kultur zu nähern sind die mythischen Figuren, die von den Geschichtsschreibern, wie Sima Qian (司馬遷, chinesischer Astrologe, Historiker und Schriftsteller ca. 145 v.Chr. bis ca. 90 v. Chr.) an den Anfang der chinesischen Kultur gestellt wurden.

Mythische Gestalten wie Huangdi(黃帝), der legendäre „Gelbe Kaiser“, dem u.a. das Buch „Die Medizin Des Gelben Kaisers“ (huangdi neijing, 黃帝內經) und die Erfindung der Waffen zugeschrieben wird;

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Huangdi, der Gelbe Kaiser

 

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sitzendes Porträt von FuXi, Song Dynastie, National Palace Museum [Public domain], via Wikimedia Common

Fuxi (伏羲), der chinesische Urkaiser, der bei seiner Meditation über Himmel und Erde die Acht Trigramme ( bagua 八卦 )des Yijing (Buch der Wandlungen) erfunden haben soll, sowie Netze zum Fischen und geknotete Seile zum Messen der Zeit, und den Menschen Melodie und Musik gebracht haben soll. Außerdem soll er den Menschen gezeigt haben, wie man Tiere domestiziert und zu Nutztieren macht. Fuxi gilt als der erste der sogenannten „Drei Souveräne und Fünf Kaiser.

 

Shennong (神農), auch Urkaiser Shennong oder der Yan Kaiser genannt, soll die Menschen gelehrt haben, Ackerbau zu betreiben, und untersuchte die Pflanzen auf ihre medizinischen Eigenschaften.

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Shennong in einer Darstellung von Guo Xu, 1503 (Song Dynastie), Shanghai Museum [Public domain], via Wikimedia Commons

Yao (堯) galt als moralisch vollkommener Gelehrtenkaiser, dem die erfolgreiche Bekämpfung einer das antike China heimsuchenden Flutkatastrophe zugeschrieben wird. Yao soll ebenfalls die Himmelsrichtungen bestimmt haben und einen neuen Kalender eingeführt haben. Nach den „Bambusannalen“ (zhushu jinian 竹書紀年) übergab Yao den Thron nach 73 Jahren der Herrschaft an Shun und lebte danach noch 28 Jahre.

Kaiser Shun (舜)entstammte laut der Legende einer einfachen Familie aus Ostchina. Er war ein Muster an Rechtschaffenheit und Tugend, weshalb Kaiser Yao ihn, sogar unter Umgehung seines eigenen Sohnes Danzhu (丹朱), als seinen würdigen Nachfolger aufgebaut hatte.
In den „Aufzeichnungen des Historikers“ (shiji 史記) von Sima Qian finden sich auch viele Erzählungen über den mythischen ersten Kaiser der möglicherweise legendären Xia-Dynastie (xiachao 夏朝), Yu der Große (dayu 大禹).

Yu hatte während der Herrschaft von Yao durch das Anlegen von Kanälen, Dämmen und Drainagen erfolgreich das Problem der regelmäßig wiederkehrenden Überflutungen gelöst.
Es wird erzählt, daß er während der dreizehn Jahre lang andauernden Unternehmung bei den Arbeitern an den Baustellen aß und schlief.
Die erfolgreiche Unternehmung wurde in der chinesischen Geschichtsschreibung berühmt als  Da Yu zhi shui 大禹治水,“Der Große Yu bezwingt die Fluten“.
Weil Yu sich durch die Bezwingung der Fluten so verdient gemacht hatte, erkor Shun ihn zu seinem Nachfolger.
Yu teilte das Land in neun Regionen ein und führte einige kriegerische Auseinandersetzungen an. Er übte aufgrund seiner hohen Tugend die Herrschaft beispielhaft aus und wurde zum Begründer der Xia-Dynastie.

Yao, Shun, die beiden Urkaiser, und der Begründer der Xia Dynastie Yu galten später den Konfuzianern als die vorbildlichen Herrscher und moralischen Ideale.

 

Das primitive Wushu und die Ursprünge der Kampfkunst

Während der langen Phase der beginnenden menschlichen Zivilisation begannen die Ursprünge der Kampfkunst sich aus der natürlichen Notwendigkeit, sich in der Wildnis gegenüber den Härten der Natur zu behaupten und zu überleben, sich zu formen. Das Hanfeizi erwähnt dass es mehr wilde Tiere gab als Menschen. Im Huainanzi heisst es, dass Menschen den Raubtieren zum Opfer fielen, wilde Vögel die alten und schwachen davontragen konnten. Im Kampf ums Überleben stand die Auseinandersetzung mit wilden Tieren an erster Stelle, und daraus entwickelten sich die frühesten Methoden des taktischen Kampfes.

Prinzipiell kann man zwei Herangehensweisen an die Methodik des Kämpfens unterscheiden, eine mit Waffen, die andere mit den „bloßen Händen“. Natürliche kämpferische Eigenschaften wie rennen, springen, ausweichen, kauern, schlagen und treten und sich über den Boden zu rollen, waren für den Kampf unabdingbar. Dennoch war die Benutzung von Gegenständen ein effektiverer Weg um im Kampf mit Tieren zu bestehen. Die ältesten aus Stein und Knochen gefertigten Klingen und Spitzen, die gefunden wurden, sind über 600 000 Jahre alt und zum Teil heute noch scharf. Der Unterschied zwischen Werkzeugen und Waffen war in der frühen Steinzeit nicht so groß, Steinkeile und Klingen konnten je nach der Situation zu unterschiedlichen Zwecken benutzt werden. Hölzerne Schläger und Stöcke waren aber sicherlich die wichtigsten Utensilien für die Jagd. Die hölzernen Speere aus der Ausgrabungsstätte der Hemudu-Kultur in Yuyao in der Provinz Zhejiang gehören zu den ältesten noch erhaltenen aus Holz gefertigten Waffen. Speerköpfe aus Stein, über 30 000 Jahre alt, sind ebenfalls noch erhalten. Speere wurden gefertigt, indem eine hölzerne Stange mit einem Speerkopf verbunden wurde. Auch der Säbel ist eine der ältesten Waffen. Die aus Stein gefertigten, über 10 000 Jahre alten Säbel, weisen unterschiedliche Formen auf, rechteckig, halbmondförmig, oder streifenförmig. Die Steinklingen waren mit manchmal bis zu sieben Löcher versehen, an denen lange Griffe angebracht werden konnten. Andere steinzeitliche Waffen waren Äxte, Dolch-Äxte, Piken und Schlägel. Die Erfindung von Pfeil und Bogen war eine entscheidende Neuerung, die in China vor ca. 30 000 Jahren aufkam. Frühzeitliche Legenden enthalten viele Beschreibungen des Bogen Schiessens, z.B. die Geschichte des Schützen Houyi, Anführer des Stammes Yi während der Xia Dynastie, der für seine hervorragenden Fähigkeiten mit dem Bogen berühmt war.

Wenngleich sicherlich die Jagd und der Kampf gegen wilde Tiere die ersten Ursprünge kämpferischer Methoden markierte, so wurde dennoch die Entwicklung taktischer Methoden des Kämpfens durch Kämpfe zwischen Menschen in direkterer Weise befördert. Kämpfe zwischen benachbarten Stämmen, in denen es um Ressourcen und territoriale Ansprüche ging, gab es seit der frühesten Vorzeit. Die wird erwähnt in den Annalen des Meisters Lü, in denen beschrieben wird ,dass die Menschen schon vor der Geburt des Chiyou mit Schlägern und Stöcken gegeneinander kämpften. Alte Schriften berichten von Kriegen, die zwischen benachbarten Clans ausgetragen wurden, wie dem zwischen Huangdi und Chiyou, Huangdi und Yandi. Chiyou, der Nachfahre von  Yandi, war in den Legenden der berühmteste Krieger und viele Attribute der Kriegskunst werden mit ihm in Verbindung gebracht. Im Shiji, den Aufzeichnungen des Geschichtsschreibers Sima Qian, wurde Yandi von Huangdi in drei Schlachten besiegt, die in der Gegend von Banquan ausgetragen wurden. Chiyou unterwarf sich nicht, und führte eine Rebellion gegen Huangdi an, worauf dieser sämtliche Streitkräfte mobilisierte und Chiyou letztlich in der Schlacht von Zhuolu besiegte und ihn tötete.

Um auf die Strapazen der Kriege vorbereitet zu sein, mussten die Menschen militärische Manöver und Drills absolvieren, um mit den Anforderungen des Kämpfens und dem Tragen der Rüstung vertraut zu werden. Daraus entstanden Kriegstänze, die noch heute in sogenannten „primitiven“ Volksstämmen praktiziert werden. Im Huainanzi wird beschrieben, dass Shundi den rebellischen Sanmiao Stamm dreimal besiegte, diese sich jedoch nicht unterwarfen. Daraufhin liess Shundi seine Krieger den Ganqi-Kriegstanz vor ihnen ausführen. Der Tanz demonstrierte die überlegene Macht und Kriegskunst der Shun Armee und beeindruckte die Sanmiao, die sich schließlich unterwarfen.

In den primitiven menschlichen Kulturen bildeten Kultur, Religion, Bildung, und Freizeit ein einheitliches Gefüge. Aus dieser Ganzheit der menschlichen Betätigung sind die Kampfkünste entstanden. Die Kommunikation und der Kontakt zu einer höheren geistigen Ebene wurde in den Kriegstänzen praktiziert. Vor Jagden und vor Schlachten wurden diese ausgeführt, um ein Gefühl übernatürlicher Stärke und Macht herauf zu beschwören. Außerdem wurde durch die Tänze die Verbindung zu den Urahnen und Göttern gefestigt. Im Buch der Dokumente heisst es, dass ein Häuptling namens Kui ausrief: „Kommt! Lasset uns die Steintrommeln schlagen und den Tanz der wilden Tiere ausführen“. Dies ist im Grunde genommen eine primitive Art von Xingyiquan.

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